Steinmetz-Reisen
Da ich viel reise, wähle ich auch Orte zu Reisezielen aus, die für den Beruf der Steinmetze bedeutsam sind. Ich will hier nach und nach Beispiele aus meinen auch fachlich ausgerichteten Reisen einstellen. Nöglicherweise inspiriert es weitere Berufs-und Berufskolleginnen zu Reisen zu hervorragenden Arbeiten unseres Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerks.
Fachreise zu Uta von Naumburg
Der Historiker und Nobelpreisträger Umberto Eco
sowie Autor des Buches "Der Namen der Rose" (bekannt auch als Film) wurde gefragt:
Mit welcher Frau aus dem Mittelalter würden Sie ausgehen?
„Mit Uta von Naumburg“
Meine Frühjahresreise 2026 führte mich zu zwei Skulpturen aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Ich wollte Uta von Naumburg im Dom von Naumburg und auch den Bamberger Reiter im Dom von Bamberg vor Ort (zu letzterem folgt der Artikel später) betrachten. Von beiden hatte ich einiges gelesen hatte. Die Skulptur von Uta vom Bambert erreichte den Rang einer nationalen Ikone, insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mich interessierte persönlich vor allem auch der Blick in die Ferne, der ansonsten selten Steinbildhauern so gut gelingt.
Wer war Uta von Naumburg?
Uta von Naumburg (geb. um 1040) war Markgräfin vom Geschlecht der Askanier von Ballenstedt. Von ihr ist lediglich bekannt, dass Sie mit dem Meißner Markgrafen Ekkehard II. verheiratet war. Ihre gefasste Skulptur besteht aus einem Sandstein. Der Steinbildhauer ist nicht bekannt. Er wird deshalb Naumburger Meister genannt und stammte aus Nordwestfrankreich und kam mit seiner Werkstatt über den Mittelrhein bis nach Naumburg.1)
Da die Ehe von Uta und Ekkehard kinderlos blieb, stifteten Hinterbliebene ihr Vermögen 200 Jahre später zur Schaffung der 12 Stifterfiguren im Naumburger Dom.
Beschreibung der Skulptur
Keine romanische Skulptur erreichte in jener Zeit mMn derartige hohe künstlerische Güte, die über die Romanik hinausreicht. Ihr aufgestellter Kragen zeigt Rücksichtnahme, aber auch Entschlossenheit, der Faltenwurf ist überaus gelungen für die damalige Zeit und ihre Hand hält den Faltenwurf überzeugend zusammen. Die Hand ist beringt und jeder Finger ist einzeln ausgearbeitet worden und steht frei, eine bemerkenswerte, nicht nur handwerkliche bzw. technische Leistung.
Uta im Westchor des Naumburger Doms steht. Sie steht dort mit 12 Stifterfiguren und tritt durch Vielzahl der Skulpturen nicht optisch her und man steht relativ entfernt, man kommt nicht nahe genug heran. Ein Problem für gute Fotografien. Keine andere Skulptur der 12 Stifter erreicht diesen gestalterischen Rang. Ihr Mund zeigt Entschlossenheit, dies betont die kräftige Unterlippe über der eine schmale Lippe ruht. Ihr Mund überzeugt und zeigt Entschlossenheit. Die Linien ihrer Nase führen elegant in die Wimpern über. Der Bildhauer wusste,wie er die Augen zu formen hatte , eine der kompliziertesten Aufgaben der Bildhauerei. Er konnte es perfekt. Diese Augen blicken für mich in die Zukunft. Man weiß, dass die Hände und das Gesichts von Skulpturen in aller Regel von dem Meister der Werkstatt gestaltet wurden. Der Kragen gibt Uta einerseits Schutz und auch Distanz. Unter dem Mantel verbirgt sich ihre Hand und ihr Arm, die den Kragen stützen. Die Falten des Mantels sind für die damalige Zeit perfekt geformt und vermutlich einmalig. Man sieht und spürt, dass die Falten fallen. Ihr Blick ist einmalig, ob er lediglich in die Gotik reicht oder weiter? Man hat Uta ideologisch benutzt und verbrämt, weil sie eine Ausstrahlung hat und zeigt, wer sie ist. Sie entstand in der Romanik und zeigt ein frühes Bild einer selbstsicheren Frau, einer emanzipierter Frau.
17. Jahrhundert
Naumburg liegt nicht weit von Dresden entfernt und bedeutende Personen im 17. Jahrhundert, die sich für Kunst interessierten, suchten lieber das große Dresden auf und/oder Italien. So nimmt es nicht Wunder, dass selbst Goethe, der ja sonst zu allem seinen Senf abgegeben hat, zwar im Dom von Naumburg war, aber er bemerkte Uta aber nicht, wie auch weitere Personen von Rang wie Gottfried Schiller, Wilhelm Grimm und weitere erwähnten sie nicht.2)
Nationalsozialismus
Anfang 1900 erlebte die völkische Bewegung in Deutschland großen Aufschwung, die bis in den Nationalsozialismus hineinführte. Darin wurde Uta als Ideal der „Deutschen Frau“ ideologisiert. Die Stifterfiguren bildeten ein Teil nationalsozialistischer Inszenierungen. Beispielsweise kam die Stifterfigur Gerburg einen Platz in Carinhall, dem Kunst-Repräsentationsbau von Hermann Göring, dem Stellvertreter Hitlers. Von den Nationalsozialisten wurde sie lt. Christian Thomas in der Frankfurter Rundschau als „Gräfin, Heilige, Madonna, First Lady des Dritten Reichs“ verstanden.3)
Uta wurde in den 1930er Jahren durch die Fotografen Walter Hege aus Naumburg popularisiert, damit überhöht und völlig falsch verstanden und als Frau mit „siegreicher Hingebung“ beschrieben. Utas Gewandfalten bezeichnete er als "Wunden“.
Uta wurde von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke missbraucht und als einzige Skulptur des Mittelalters in der Ausstellung die Ausstellung "Entartete Kunst" in 1939 als Foto ausgestellt und „als Engel unter lauter Teufeln, als vornehmste Hüterin deutscher Kultur, deren Erscheinung - so der Kunsthistoriker Eberhard Preime - "wie eine Schranke das Häßliche und gemeine (sic) von ihr trennt", bezeichnet.4)
In die Theaterwelt ging Uta 1934 ein, als der Bildhauer und Dichter Felix Dhünen in Gera das Theaterstück „Uta von Naumburg“ erstmals aufführte. Es wurde auch in München und Hamburg aufgeführt. In dem Theaterstück verliebt sich der Steinbildhauer in Uta und will, nachdem die Skulptur fertiggestellt nicht abreisen. Daraufhin gerät Ekkehardt II. in Zorn und lässt den Steinbildhauer in den Kerker werfen.5)
Zeit nach 1945
Der ideologisch verdrehte Mythos um Uta hielt sich in Deutschland bis ins Jahr 1957 als sie auf einer Briefmarke der Deutschen Bundespost dargestellt wurde. Erst in den 1960er Jahren setzte ein Wandel ein und Publikationen erschienen, die versachlichten. Bis in die 1970er Jahre befand sich Uta von Naumburg in westdeutschen Geschichtsbüchern im Zusammenhang von Rittertum und höfischer Kultur des Mittelalters.
Günther Grass, ein gelernter Steinmetz (und Nobel-Preisträger), gab posthum 2022 ein Buch „Figurenstehen“ heraus, in dem Uta von Naumburg die Hauptfigur darstellt.
Zum Schluss noch eine treffende Aussage von Umberto Eco, der sie als die „schönste Frau des Mittelalters“ - sie erscheint stolz, aber auch geheimnisvoll.“6) MMn wird mit letzter Aussage das Bild Utas korrekt eingeordnet und entspricht der Aussage der Skulptur!
Literatur:
1) Naumburger Dom: https://www.unesco.de/staette/naumburger-dom/, hrsg. von der Deutschen UNESCO-Kommission, 2018.
2) Wolfgang Ullrich: Uta von Naumburg. Eine deutsche Ikone. 5. Auflage 2011. Wagenbach Taschenbuch. ISBN 978-8031-2523- 1.S. 7-14.
3) Zit. n. Klappentext des Buchs von Wolfgang Ullrich: Uta von Naumburg. a.a.O.
4) Wolfgang Ullrich: Uta, das Ewige Deutschland, https://www.zeit.de/zeitlaeufte/uta. In: Die Zeit, v. 23. April 1998.
5) Wolfgang Ullrich: Uta von Naumburg. a.a.O. S. 109-122.
6) Welterbe Sachsenanhalt: Ein Meisterwerk menschlicher Schöpferkunst, https://www.welterbe-sachsen-anhalt.de/staunenswerte/naumburger-dom, hrsg. v. d. Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt mbH.
Bild-Nachweis:
Das Porträt von Uta von Naumburg stammt aus Wikipedia, Commons von Petropoxy, CC BY-SA 30.
